Ordo
DE Die Farbe wird immer wieder auf das Papier aufgetragen: Farbstift, Acryl, Ölkreide und manchmal auch Ölfarbe. Die Oberfläche füllt sich. Eine Zeit lang gibt es noch kein Bild, sondern eine Ansammlung von Materie, Gesten und möglichen Richtungen, ein organisches Chaos, aus dem noch keine stabile Form hervorgeht. Christina Baumann arbeitet von genau diesem Punkt aus. Sie dreht die Arbeit, betrachtet sie, wartet. Bis etwas geschieht. Inmitten dieser Dichte macht die Malerei ein Angebot: ein Spalt, eine Spannung, eine innere Beziehung, die eine Komposition oder die Idee eines architektonischen Raums in Farbe erahnen lässt. Nicht als geschlossenes Bild, sondern als Erscheinung. Ordo entsteht in diesem Moment. Die Ausstellung versammelt vor allem die Serie von Arbeiten auf Papier, die die Künstlerin vor Jahren begonnen hat: kleinformatige Werke, in denen der Prozess untrennbar mit dem Ergebnis verbunden ist. Die Ordnung, auf die der Titel anspielt, folgt keiner vorgegebenen Struktur und keiner von Anfang an festgelegten Form. Sie ist vielmehr eine Suche: der Versuch, die Schichten zu ordnen, die Vielheit in eine Komposition zu überführen, die der Künstlerin zu Beginn selbst unbekannt ist. In diesem Prozess schließt jede Entscheidung andere Möglichkeiten aus und fixiert, vorläufig, eine unter vielen denkbaren Varianten. Aus der chromatischen Materie lösen sich Hinweise auf Form, Vorstellungen von Figur, Strukturen, die aus dem Pinselstrich oder der Organisation der Farbe zu entstehen scheinen, ohne sich vollständig zu konkretisieren. Das Sichtbare bleibt offen, nahe an der Möglichkeit. Gerade deshalb fordern diese Arbeiten einen aufmerksamen Blick heraus und zwingen uns zu fragen, was wir sehen und was wir zu sehen glauben. Es gibt Tiefe auf der Oberfläche des Papiers. Jedes Werk enthält ein Spektrum an Möglichkeiten und bewahrt die Erinnerung an seinen eigenen Prozess: die Langsamkeit seines Aufbaus, die Suche nach Stabilität innerhalb einer instabilen Form, die abschließende Entscheidung zwischen zahlreichen Optionen. Nichts an ihnen ist unmittelbar: Die Ordnung hebt das anfängliche Zittern der Farbe nicht auf, sondern geht aus ihm hervor. In Ordo zeigt Christina Baumann kleine Arbeiten auf Papier, in denen sich das Bild nicht aufdrängt: Es erscheint. Und indem es erscheint, lässt es seine Möglichkeiten offen.